ETF oder Tagesgeld?
Eine richtige Statistik kann für die falsche Situation trotzdem der falsche Rat sein.
Seit einem Jahr spart jemand auf eine Reise, die in zwei Jahren stattfinden soll. 2.000 Euro liegen bereits auf einem Tagesgeldkonto. Ein Freund findet das ineffizient: Über lange Zeiträume schlägt ein Aktien-ETF ein Tagesgeldkonto fast immer, warum also nicht umschichten?
Die Statistik des Freundes stimmt. Über zwanzig oder dreißig Jahre gerechnet gewinnt der Aktienmarkt gegen ein Zinskonto praktisch immer. Das Problem ist nicht die Statistik, sondern dass sie für einen völlig anderen Zeitraum gilt als den, um den es hier geht.
Bei zwei Jahren Zeithorizont kann ein Kursrückgang zum Reisezeitpunkt noch nicht wieder aufgeholt sein. Das Geld wird zu einem festen Termin gebraucht, unabhängig davon, wo der Markt an diesem Tag gerade steht. Nicht die Anlage bestimmt den passenden Zeitraum — der Zeitraum bestimmt die passende Anlage.
Historisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts bei breit gestreuten Aktienanlagen über sehr kurze Zeiträume erheblich, über sehr lange Zeiträume dagegen gering — die Streuung möglicher Ergebnisse verengt sich mit der Haltedauer, weil sich Auf- und Abwärtsphasen im Mittel ausgleichen. Bei einem festen Zieltermin in nur zwei Jahren bleibt diese Verengung noch weitgehend aus: Ein Rückgang von zwanzig oder dreißig Prozent kurz vor dem Reisetermin ist ein realistisches Szenario, keine Randerscheinung.
Der entscheidende Denkfehler ist die Übertragung einer für lange Zeiträume korrekten Erwartungswert-Aussage auf einen kurzen, fest terminierten Bedarf. Erwartungswerte beschreiben, was im Durchschnitt über viele Wiederholungen oder lange Zeiträume passiert — sie sagen nichts darüber, was an einem einzelnen, im Voraus feststehenden Stichtag der Fall sein wird. Für Geld mit einem konkreten Verwendungszweck und Zeitpunkt ist deshalb nicht die höchste erwartete Rendite die relevante Kennzahl, sondern die Sicherheit, dass der Betrag zum Stichtag verfügbar ist.
Die Grundregel dazu findet sich in Ziel und Zeithorizont: Je kürzer der Zeithorizont, desto weniger gehört das Geld in schwankende Werte, unabhängig davon, wie überzeugend die langfristige Statistik ist.
Verstehens-Check
Zusammenfassung
- Der Zeitraum bestimmt die passende Anlage, nicht umgekehrt.
- Langfristige Statistik ist für kurzfristigen, fest terminierten Bedarf nicht die richtige Kennzahl.
- Eine hälftige Aufteilung löst das Grundproblem nicht.
Hast du es verstanden?
Warum ist die Statistik „ETF schlägt langfristig Tagesgeld“ hier nicht die richtige Antwort?
Weil sie für lange Zeiträume gilt, der Zeithorizont hier aber nur zwei Jahre beträgt.
Was bestimmt, welche Anlageform passt: die Statistik oder der Zeitpunkt?
Der Zeitpunkt, zu dem das Geld gebraucht wird. Er bestimmt die passende Anlage, nicht umgekehrt.
Löst eine hälftige Aufteilung zwischen ETF und Tagesgeld das Problem?
Nein, sie reduziert nur das Risiko, ändert aber nichts daran, dass ein Teil des Geldes zu einem festen Termin gebraucht wird.