Die ATR einfach erklärt
Die ATR zeigt, wie weit sich ein Kurs an einem normalen Tag bewegt. Sie sagt nichts über die Richtung, hilft aber dabei, einen sinnvollen Abstand für den Stop Loss zu finden.
ATR steht für Average True Range, auf Deutsch durchschnittliche wahre Spanne. J. Welles Wilder hat sie 1978 vorgestellt, im selben Buch wie den RSI. Sie ist einer der nützlichsten Indikatoren überhaupt, weil sie eine praktische Frage beantwortet: Wie viel Bewegung ist bei diesem Wert normal?
Worum es geht
Die ATR steht unter dem Kurs und wird in Euro gemessen. Eine ATR von 1,50 € heißt, dass sich der Kurs an einem durchschnittlichen Tag der letzten zwei Wochen um etwa 1,50 € bewegt hat. Steigt die ATR, wird es unruhiger. Sinkt sie, wird es ruhiger.
Ein Beispiel: Zwei Aktien kosten beide 50 €. Die eine hat eine ATR von 0,50 €, die andere von 3 €. Ein Stop 1 € unter dem Einstieg ist bei der ersten weit weg, bei der zweiten wird er vermutlich schon am ersten Tag ausgelöst. Mehr zur Volatilität findest du in der passenden Lektion.
So wird gerechnet
Für jeden Tag bestimmst du die wahre Spanne. Das ist der größte dieser drei Werte: Hoch minus Tief, Hoch minus Schluss des Vortags oder Schluss des Vortags minus Tief. So zählen auch Kurslücken über Nacht mit. Die ATR ist ein geglätteter Durchschnitt dieser Spannen über 14 Tage.
Mit Zahlen: Gestern schloss eine Aktie bei 48 €. Heute öffnet sie bei 50,50 € und bewegt sich zwischen 50 € und 51 €. Hoch minus Tief wären nur 1 €, die wahre Spanne ist aber 51 € minus 48 €, also 3 €.
Welche Signale Trader daraus lesen
- Stop Abstand: Viele setzen ihren Stop ein bis drei ATR vom Einstieg entfernt, damit normale Tagesschwankungen ihn nicht auslösen.
- Positionsgröße: Bei hoher ATR wird der Stop weiter weg gesetzt, also werden weniger Stück gekauft. So bleibt das Risiko in Euro gleich.
- Unruhe messen: Eine stark steigende ATR zeigt, dass ein Markt nervös wird, oft bei Einbrüchen.
Wo es dich in die Irre führt
Die ATR sagt nichts über die Richtung. Eine hohe ATR kann bei einem Crash genauso auftreten wie bei einer Kursrallye. Wer sie als Kauf oder Verkaufssignal liest, missversteht sie.
Sie schaut außerdem zurück. Nach einer langen ruhigen Phase ist die ATR niedrig, und genau dann kommt manchmal die große Bewegung. Ein Stop, der mit einer niedrigen ATR berechnet wurde, kann dann zu eng sein.
Ein Beispieltrade mit erfundenen Zahlen
Markus hat 10.000 € auf dem Konto und riskiert höchstens 150 € pro Trade. Er kauft eine Aktie für 50 €, die ATR liegt bei 1,50 €. Er setzt seinen Stop Loss zwei ATR tiefer, also bei 47 €. Bei 3 € Risiko pro Aktie kauft er 50 Stück für 2.500 €. Kosten: je 1 € Gebühr für Kauf und Verkauf, dazu etwa 2 Cent Spread pro Aktie und Order.
Wenn es klappt: Der Kurs steigt auf 56 €. Markus liegt 300 € vorne, nach 2 € Gebühren und 2 € Spread bleiben 296 €.
Wenn es schiefgeht: Der Kurs fällt, der Stop wird bei 46,90 € ausgeführt. Das sind 155 € Verlust, mit Kosten 159 €.
Die ATR hat Markus nicht gesagt, ob die Aktie steigt. Sie hat ihm geholfen, einen Stop zu wählen, der nicht bei der ersten normalen Schwankung auslöst, und die Stückzahl so anzupassen, dass er trotzdem nur 150 € riskiert.
Wilder entwickelte die ATR ursprünglich für Rohstoffmärkte, in denen Kurslücken über Nacht häufig sind. Deshalb nutzt sie die wahre Spanne statt nur Hoch minus Tief.
Formal ist die wahre Spanne TR = max(Hoch − Tief, |Hoch − Schluss Vortag|, |Tief − Schluss Vortag|). Die ATR glättet sie wie der RSI: neue ATR = (alte ATR × 13 + heutige TR) / 14.
Weil die ATR in Euro rechnet, lässt sie sich nicht zwischen Aktien mit unterschiedlichem Kurs vergleichen. Dafür gibt es die ATR in Prozent des Kurses. Auf der ATR bauen andere Werkzeuge auf, zum Beispiel die Keltner Kanäle und der Supertrend.
Zusammenfassung
- Die ATR zeigt, wie viel Bewegung an einem normalen Tag üblich ist.
- Sie sagt nichts über die Richtung des Kurses.
- Sie hilft beim Stop Abstand und bei der Positionsgröße.
Hast du es verstanden?
Was bedeutet eine ATR von 1,50 €?
Dass sich der Kurs an einem durchschnittlichen Tag der letzten zwei Wochen um etwa 1,50 € bewegt hat.
Warum nutzt die ATR die wahre Spanne statt nur Hoch minus Tief?
Damit auch Kurslücken über Nacht mitzählen.
Wie hilft die ATR bei der Positionsgröße?
Bei hoher ATR liegt der Stop weiter weg, also kaufst du weniger Stück, damit dein Risiko in Euro gleich bleibt.
Quellen und Weiterlesen
- StockCharts ChartSchool, Average True Range (englisch). Quelle ansehen ↗
- ESMA, Informationen für Anleger zu den Risiken von Trading. Quelle ansehen ↗
Passt dazu
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- PositionsgrößeLektion
- SupertrendIndikator