Momentum und Trendfolge
Wertpapiere, die zuletzt gut gelaufen sind, liefen im Schnitt auch in den folgenden Monaten besser als andere. Der Effekt ist gut belegt, kennt aber heftige Einbrüche und ist schwächer geworden, seit er bekannt ist.
Die Grundidee von Momentum ist denkbar einfach: Wertpapiere, die in den letzten drei bis zwölf Monaten stärker gestiegen sind als andere, steigen im Schnitt auch in den folgenden Monaten stärker. Und umgekehrt: Was zuletzt schwach war, bleibt eher schwach.
Das ist eines der am besten untersuchten Muster der ganzen Finanzforschung. Die Ökonomen Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman zeigten 1993, dass eine Strategie, die die stärksten Aktien kauft und die schwächsten leerverkauft, deutlich mehr Rendite brachte als der Markt. Seitdem wurde das Ergebnis an den meisten Aktienmärkten der Welt und bei anderen Anlageklassen immer wieder gefunden.
Verwandt, aber nicht dasselbe ist Trendfolge. Hier vergleicht man nicht verschiedene Wertpapiere miteinander. Man schaut nur, in welche Richtung sich ein einzelner Markt bewegt. Eine Untersuchung der Fondsgesellschaft AQR fand für Trendfolge bei Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Währungen positive Ergebnisse in fast jedem Jahrzehnt seit 1880.
Der Effekt hat eine unangenehme Seite. Momentumstrategien erleben manchmal sehr heftige, kurze Einbrüche, vor allem wenn ein Markt nach einer Krise plötzlich dreht. Im Frühjahr 2009 stiegen die zuvor schwächsten Aktien innerhalb weniger Monate auf ein Vielfaches. Wer sie leerverkauft hatte, verlor in wenigen Wochen einen großen Teil dessen, was er über Jahre mit dem Trend verdient hatte.
Jegadeesh und Titman (1993) zeigten, dass der Kauf früherer Gewinner und der Leerverkauf früherer Verlierer bei Haltedauern von drei bis zwölf Monaten rund ein Prozent Mehrrendite pro Monat brachte. In einer Folgestudie 2001 zeigten sie, dass diese Mehrrendite auch in den Jahren nach der ersten Veröffentlichung nicht verschwand. Das spricht dagegen, dass sie nur zufällig in den Daten gefunden wurde.
Bei der Erklärung stehen sich zwei Lager gegenüber. Verhaltensforscher sagen, Anleger reagieren zu langsam auf neue Informationen, und später verstärken Trendfolger die Bewegung noch. Andere argumentieren, frühere Gewinner tragen ein höheres Risiko als frühere Verlierer und werden dafür bezahlt. Cooper, Gutierrez und Hameed (2004) sowie Daniel und Moskowitz (2016) zeigen, dass die Mehrrendite stark davon abhängt, wie sich der Markt zuletzt entwickelt hat. In Erholungsphasen nach Krisen kann sie sogar deutlich negativ werden. Das nennt man Momentum Crash.
Für Trendfolge über ganze Märkte haben Hurst, Ooi und Pedersen (2017, AQR) 67 Märkte über mehr als hundert Jahre untersucht, mit durchweg positiven Ergebnissen und einer geringen Korrelation zu klassischen Anlagen. Wichtig ist: Beide Effekte werden in Studien mit realistischen, aber vereinfachten Handelskosten gemessen. Und bei Jegadeesh und Titman (2001) drehte sich die Mehrrendite zwei bis fünf Jahre nach dem Ende der Haltedauer wieder um. Das deutet darauf hin, dass die Märkte langfristig übertreiben und die Übertreibung sich später wieder auflöst.
Daten als Text
Der kumulierte Gewinn beträgt nach 12 Monaten +12,2 Prozent und nach 60 Monaten −0,4 Prozent.
Zusammenfassung
- Wertpapiere, die zuletzt stark waren, liefen im Schnitt auch in den folgenden Monaten besser.
- Der Effekt ist über Jahrzehnte und an vielen Märkten belegt, aber nicht ohne Risiko.
- Momentumstrategien erleben manchmal heftige Einbrüche, vor allem in Erholungsphasen nach Krisen.
Hast du es verstanden?
Was zeigten Jegadeesh und Titman 1993?
Dass es sich lohnte, die Gewinner der letzten drei bis zwölf Monate zu kaufen und die Verlierer zu verkaufen.
Was ist ein Momentum-Crash?
Ein heftiger, kurzer Einbruch von Momentumstrategien, meistens in einer Erholung nach einer Krise.
Welche zwei Erklärungslager stehen sich beim Momentum-Effekt gegenüber?
Die einen sagen, Anleger reagieren zu langsam und Trendfolger verstärken das, die anderen sagen, frühere Gewinner tragen mehr Risiko.
Quellen und Weiterlesen
- Jegadeesh, N. und Titman, S. (1993), Returns to Buying Winners and Selling Losers, Journal of Finance
- Jegadeesh, N. und Titman, S. (2001), Profitability of Momentum Strategies, Journal of Finance Quelle ansehen ↗
- Hurst, B., Ooi, Y. H. und Pedersen, L. H. (2017), A Century of Evidence on Trend-Following Investing, AQR Capital Management Quelle ansehen ↗
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