Mean Reversion
Wo Momentum auf Fortsetzung setzt, setzt Mean Reversion auf Umkehr: Wer zuletzt extrem stark oder schwach lief, kehrt tendenziell zum Mittelwert zurück. Der Effekt zeigt sich auf sehr kurzen und auf sehr langen Zeiträumen, aber kaum auf mittleren.
Mean Reversion ist die Wette auf das Gegenteil von Momentum: dass ein Wertpapier, das sich stark von seinem üblichen Niveau entfernt hat, tendenziell dorthin zurückkehrt. Wer stark gefallen ist, kauft man, wer stark gestiegen ist, verkauft man.
Bekannt wurde die langfristige Variante durch die Ökonomen Werner De Bondt und Richard Thaler. Sie zeigten 1985, dass Aktien, die über drei bis fünf Jahre am schlechtesten liefen, in den folgenden drei bis fünf Jahren die vormaligen Spitzenreiter deutlich übertrafen.
Es gibt auch eine sehr kurzfristige Variante: Aktien, die an einem Tag stark fallen, erholen sich in den folgenden Tagen häufig teilweise. Dieser Effekt ist stark von hohen Handelskosten betroffen, weil er auf sehr kurzen Zeiträumen beruht und häufiges Handeln erfordert.
Bemerkenswert ist eine Beobachtung, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: Auf mittlere Sicht von drei bis zwölf Monaten gilt eher Momentum, auf sehr kurze und sehr lange Sicht eher Mean Reversion. Beide Muster schließen sich nicht aus, sie gelten schlicht auf unterschiedlichen Zeitskalen.
De Bondt und Thaler (1985) sortierten Aktien nach ihrer Wertentwicklung der vorangegangenen drei bis fünf Jahre und bildeten daraus ein Verlierer- und ein Gewinnerportfolio. Über die folgenden drei bis fünf Jahre übertraf das Verliererportfolio das Gewinnerportfolio um mehrere Dutzend Prozentpunkte kumuliert, wobei der Effekt asymmetrisch war: Die Umkehr bei den Verlierern war deutlich stärker ausgeprägt als bei den Gewinnern.
Für die kurzfristige Variante zeigt Nagel (2012), dass einzelne Aktien eine negative serielle Korrelation auf Tages- und Monatsebene aufweisen, die sich verstärkt, wenn Marktmacher aufgrund von Liquiditätsengpässen höhere Preise für die Bereitstellung von Liquidität verlangen. Diese Variante wird deshalb häufig als Kompensation für die Bereitstellung von Liquidität interpretiert, nicht als reine Verhaltensanomalie.
Zur Erklärung des langfristigen Effekts steht die Überreaktionshypothese von De Bondt und Thaler der risikobasierten Sichtweise gegenüber, wonach frühere Verlierer häufiger finanziell angeschlagene Unternehmen mit höherem erwartetem Risiko sind. Beide Erklärungen sind in der Literatur weiterhin umstritten. Praktisch bedeutsam ist, dass die kurzfristige Variante nach Abzug realistischer Handelskosten in mehreren Untersuchungen deutlich an Kraft verliert, während die langfristige Variante geringere Umschlagshäufigkeit erfordert und damit weniger kostenanfällig ist.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Mean Reversion setzt auf Rückkehr zum Mittelwert, Momentum auf Fortsetzung.
- Der Effekt zeigt sich auf sehr kurzen und sehr langen Zeiträumen, kaum auf mittleren.
- Die kurzfristige Variante ist wegen des nötigen häufigen Handelns besonders kostenanfällig.
Hast du es verstanden?
Was fanden De Bondt und Thaler 1985?
Dass Aktien, die über drei bis fünf Jahre am schlechtesten liefen, die vormaligen Spitzenreiter in den folgenden drei bis fünf Jahren deutlich übertrafen.
Wie lässt sich der kurzfristige Reversal-Effekt alternativ erklären?
Als Kompensation für die Bereitstellung von Liquidität, wenn Marktmacher bei Engpässen höhere Preise verlangen.
Auf welchen Zeitskalen widersprechen sich Momentum und Mean Reversion scheinbar, ohne es zu tun?
Momentum zeigt sich eher auf mittlere Sicht von drei bis zwölf Monaten, Mean Reversion eher auf sehr kurze und sehr lange Sicht.
Quellen und Weiterlesen
- De Bondt, W. F. M. und Thaler, R. H. (1985), Does the Stock Market Overreact?, Journal of Finance
- De Bondt, W. F. M. und Thaler, R. H. (1989), Anomalies: A Mean-Reverting Walk Down Wall Street, Journal of Economic Perspectives
- Nagel, S. (2012), Evaporating Liquidity, Review of Financial Studies
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