Wirecard
2020 brach ein Zahlungsdienstleister aus dem DAX zusammen, nachdem rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten nicht aufzufinden waren. Die Aktie verlor praktisch ihren ganzen Wert.
Wirecard galt jahrelang als deutsches Vorzeigeunternehmen und stieg im September 2018 in den DAX auf. Im Lauf des Jahres 2018 stieg die Aktie auf fast 200 €. Im Juni 2020 teilte die Firma mit, dass Bankguthaben von rund 1,9 Milliarden Euro wahrscheinlich gar nicht existierten. Wenige Tage später folgte der Insolvenzantrag.
Bemerkenswert ist die Vorgeschichte. Journalisten der Financial Times hatten über Jahre Zweifel an den Zahlen veröffentlicht. Statt den Vorwürfen nachzugehen, wurden lange vor allem die Kritiker angegriffen. Die Finanzaufsicht verbot 2019 sogar für zwei Monate neue Wetten gegen die Aktie.
Für Anleger war der Verlust total. Wer zum Höchstkurs gekauft hatte, verlor fast alles. Anders als nach einem normalen Kursrückgang gab es keine Erholung, weil von der Firma kein Wert mehr übrig war.
Die Folgerung ist unangenehm: Weder die Aufnahme in einen bekannten Index noch die Prüfung durch eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft noch jahrelange Kursgewinne beweisen, dass die Zahlen stimmen.
Der Fall zeigt, warum die Kapitalflussrechnung oft mehr verrät als der ausgewiesene Gewinn. Ein großer Teil des Geschäfts lief über Partnerfirmen, deren Einnahmen auf Treuhandkonten lagen. Ein immer größerer Teil des Gewinns stand also Geld gegenüber, an das Wirecard selbst nicht direkt herankam. Stark wachsende Gewinne und wenig Geld, das tatsächlich hereinkommt: Genau dieses Warnzeichen beschreibt die Lektion Eine Bilanz lesen.
Für dein Depot ist die Lehre der Unterschied zwischen dem Risiko des Marktes und dem einer einzelnen Firma. In einem breit gestreuten Index spürst du den Ausfall eines einzelnen Wertes kaum. In einem Depot mit wenigen Aktien kann er dich ruinieren. Weil das Risiko einzelner Firmen nicht extra bezahlt wird, war die Konzentration hier Risiko, für das niemand etwas bekommen hat.
In Deutschland führte der Fall zu Reformen bei der Kontrolle von Bilanzen und bei der Finanzaufsicht. Für dich ändert das wenig. Aufsicht und Prüfung machen es wahrscheinlicher, dass Betrug entdeckt wird, garantieren es aber nicht. Gegen den Ausfall einer einzelnen Firma schützt dich verlässlich nur Streuung.
Zusammenfassung
- Index-Zugehörigkeit und Prüftestat sind keine Garantie für richtige Zahlen.
- Ergebniswachstum ohne entsprechenden Zahlungsfluss ist ein Warnzeichen.
- Gegen den Ausfall eines Einzelwerts schützt nur Streuung.
Hast du es verstanden?
Welches Warnzeichen war in den Zahlen angelegt?
Stark wachsende Gewinne, aber wenig Geld aus dem laufenden Geschäft, und Guthaben, die auf Treuhandkonten Dritter lagen.
Warum half die Aufnahme in den DAX den Anlegern nicht?
Ob eine Firma in einen Index kommt, hängt an ihrer Größe und daran, wie viel gehandelt wird. Über die Richtigkeit ihrer Zahlen sagt das nichts.
Welcher Schutz bleibt gegen einen solchen Fall?
Streuung. Das Risiko einzelner Firmen wird nicht bezahlt und lässt sich ganz wegstreuen.
Aufgabe für dich
Der Gewinn wächst, aber das Geld kommt nicht herein: Was prüfst du in den Zahlen eines Unternehmens, bevor du kaufst? Suche im Geschäftsbericht eines frei gewählten Unternehmens den Gewinn und den Mittelzufluss aus der laufenden Geschäftstätigkeit der letzten drei Jahre heraus und vergleiche, ob beide in dieselbe Richtung laufen.
Quellen und Weiterlesen
- Öffentliche Unternehmensmitteilungen aus dem Juni 2020, Berichterstattung der Financial Times sowie die Berichte des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages.
- Bundeszentrale für politische Bildung zum Wirecard-Skandal und der Rolle der BaFin. Quelle ansehen ↗
- Wirecard AG, Ad-hoc-Mitteilung vom 22.06.2020 zur Lage des Unternehmens: Der Vorstand hält die Existenz der Treuhandguthaben über 1,9 Milliarden Euro mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für nicht gegeben. Abgerufen am 09.10.2026. Quelle ansehen ↗
- BaFin, Allgemeinverfügung vom 18.02.2019: Verbot neuer Netto-Leerverkaufspositionen in Wirecard-Aktien, gültig bis 18.04.2019. Abgerufen am 09.10.2026. Quelle ansehen ↗
- Deutscher Bundestag, Bericht zum Abschluss des 3. Untersuchungsausschusses (Wirecard), Juni 2021: Bewertung der Koalition als Bilanzbetrug und Kritik an Aufsicht und Abschlussprüfer. Abgerufen am 09.10.2026. Quelle ansehen ↗
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- Die Dotcom-Blase 2000Börsengeschichte
- Risiko und Rendite hängen zusammenStufe 1