Eine Bilanz lesen
Die Bilanz zeigt, was eine Firma besitzt und wie sie das bezahlt hat. Für einen ersten Eindruck reichen vier Posten: Vermögen, Schulden, Eigenkapital und Bargeld.
Lernziel: Nach dieser Lektion kannst du die vier wichtigsten Posten einer Bilanz lesen und einordnen.
Eine Bilanz hat zwei Seiten, die immer gleich groß sind. Links steht, was die Firma besitzt: Maschinen, Gebäude, Vorräte, Bargeld. Rechts steht, wem das gehört: zum Teil den Gläubigern als Schulden, zum Teil den Eigentümern als Eigenkapital.
Vier erste Fragen
Für einen ersten Eindruck reichen vier Fragen. Wie hoch ist das Eigenkapital im Verhältnis zum Gesamtvermögen? Wie viel Bargeld ist da? Wie hoch sind die Schulden? Und wie viel davon muss im nächsten Jahr zurückgezahlt werden?
Eigenkapitalquote einordnen
Eine hohe Eigenkapitalquote heißt, dass die Firma eine schlechte Zeit übersteht, ohne auf Banken angewiesen zu sein. Eine niedrige heißt das Gegenteil. In guten Zeiten bringt das mehr Rendite auf das Eigenkapital, in schlechten wird es gefährlich.
Was nicht in der Bilanz steht
Zwei wichtige Dinge stehen nicht in der Bilanz. Der Gewinn steht in der Gewinn und Verlustrechnung. Und wie viel Geld tatsächlich hereinkam und hinausging, steht in der Kapitalflussrechnung. Erst alle drei zusammen ergeben ein Bild.
Eine Bilanz Schritt für Schritt lesen
Die Holzwerk Berger GmbH gibt es nicht. Ihre Zahlen sind erfunden und zum Üben gerundet, alle Beträge in Millionen Euro.
| Posten | Mio. € |
|---|---|
| Maschinen und Gebäude | 60 |
| Vorräte | 15 |
| Forderungen an Kunden | 15 |
| Bargeld | 10 |
| Summe | 100 |
| Posten | Mio. € |
|---|---|
| Eigenkapital | 40 |
| Bankkredite, langfristig | 35 |
| Bankkredite, im nächsten Jahr fällig | 10 |
| Offene Rechnungen von Lieferanten | 15 |
| Summe | 100 |
- Summen vergleichen. Beide Seiten ergeben 100 Millionen. Geht die Rechnung nicht auf, hast du dich verlesen, denn eine Bilanz ist immer ausgeglichen.
- Eigenkapitalquote ausrechnen. 40 von 100 Millionen gehören den Eigentümern, das sind 40 Prozent. Berger könnte also viel Vermögen verlieren, bevor die Gläubiger um ihr Geld fürchten müssen.
- Prüfen, was bald fällig wird. Im nächsten Jahr muss Berger 25 Millionen zahlen, 10 an die Bank und 15 an Lieferanten. Dem stehen 40 Millionen gegenüber, die schnell zu Geld werden, nämlich Vorräte, Forderungen und Bargeld. Das reicht gut. Mit dem Bargeld allein wären allerdings nur 10 der 25 Millionen gedeckt.
- Nettoschulden ansehen. Bei der Bank schuldet Berger 45 Millionen, auf dem Konto liegen 10. Netto bleiben 35 Millionen. Verdient die Firma im Jahr 14 Millionen vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, bräuchte sie rechnerisch zweieinhalb Jahre, um diese Schulden zu tilgen. Die 14 Millionen stammen aus der Gewinn und Verlustrechnung.
- Mit dem Vorjahr vergleichen. Eine einzelne Bilanz ist eine Momentaufnahme. Lag die Eigenkapitalquote im Vorjahr bei 45 Prozent und jetzt bei 40, lohnt die Frage nach dem Grund. Ein neuer Kredit für eine Halle kann sinnvoll sein. Verluste, die das Eigenkapital aufzehren, sind ein schlechtes Zeichen.
Nach diesen fünf Schritten weißt du, ob Berger solide finanziert ist. Ob die Firma auch gut verdient, zeigt dir die Lektion Einen Geschäftsbericht überfliegen.
Die Grundregel der Bilanz lautet: Vermögen gleich Schulden plus Eigenkapital. Um zu beurteilen, wie widerstandsfähig eine Firma ist, zählt neben der Eigenkapitalquote vor allem, wann die Schulden fällig werden. Was kurzfristig zurückgezahlt werden muss, sollte durch Vermögen gedeckt sein, das sich kurzfristig zu Geld machen lässt. Das drücken Kennzahlen wie der Liquiditätsgrad aus.
Verschuldung und EBITDA
Eine verbreitete Kennzahl setzt die Nettoschulden ins Verhältnis zum operativen Ergebnis vor Abschreibungen, dem EBITDA. Sie sagt grob, wie viele Jahre die Firma bräuchte, um ihre Schulden aus dem laufenden Geschäft zu tilgen. Was ein guter Wert ist, hängt von der Branche ab. Ein Stromnetzbetreiber mit sehr stabilen Einnahmen kann mehr Schulden tragen als ein Autozulieferer, dessen Gewinne mit der Konjunktur schwanken.
Gewinn und Geldfluss
Ganz wichtig ist der Unterschied zwischen Gewinn und Geldfluss. Im ausgewiesenen Gewinn stecken Posten, bei denen kein Geld geflossen ist, und die Firma hat bei der Bewertung Spielraum. Der Geldfluss aus dem laufenden Geschäft lässt sich schwerer schönrechnen. Liegt der Gewinn über Jahre deutlich über dem Geldfluss, ist das ein bekanntes Warnzeichen. Bei Wirecard zum Beispiel ließ es sich lange vor dem Zusammenbruch 2020 erkennen.
Zusammenfassung
- Die Eigenkapitalquote zeigt, wie gut eine Firma schlechte Zeiten übersteht.
- Wann Schulden fällig werden, ist wichtiger als ihre bloße Höhe.
- Liegt der Gewinn dauerhaft über dem Geldfluss, ist das ein Warnzeichen.
Hast du es verstanden?
Wie lautet die Grundregel der Bilanz?
Vermögen gleich Schulden plus Eigenkapital. Beide Seiten sind immer gleich groß.
Warum reicht die Höhe der Schulden allein nicht?
Weil es darauf ankommt, wann sie fällig werden. Was bald fällig ist, muss durch Vermögen gedeckt sein, das bald verfügbar ist.
Welches Warnzeichen kannst du in den Zahlen erkennen?
Einen ausgewiesenen Gewinn, der über Jahre deutlich über dem Geldfluss aus dem laufenden Geschäft liegt.
Wie liest man eine Bilanz Schritt für Schritt?
Zuerst die Summen beider Seiten vergleichen, dann die Eigenkapitalquote ausrechnen. Danach prüfen, was im nächsten Jahr fällig wird, die Nettoschulden ansehen und zum Schluss alles mit dem Vorjahr vergleichen.
Verstehens-Check
Aufgabe für dich
Eine erfundene Firma hat 80 Mio. € Gesamtvermögen, 20 Mio. € Eigenkapital, 12 Mio. € Bargeld und 15 Mio. € Schulden, die im nächsten Jahr fällig werden. Berechne die Eigenkapitalquote und schreibe auf, ob das Bargeld die fälligen Schulden deckt. Beantworte dieselben Fragen danach für die Bilanz einer Firma deiner Wahl.