Bevor du einen Euro anlegst
Bevor du anlegst, brauchst du drei Dinge: keine teuren Schulden, ein Polster für Notfälle und Geld, das du mehrere Jahre nicht brauchst. Fehlt eines davon, ist Anlegen noch nicht dein nächster Schritt.
Fast jede Seite über Geldanlage beginnt bei der Frage, welche Aktie man kaufen soll. Das ist die falsche erste Frage. Die richtige lautet: Ist mein Alltag stabil genug, dass ich Geld für Jahre liegen lassen kann, ohne es anzufassen?
Denk an ein Haus. Niemand streicht die Wände, bevor das Dach dicht ist. Anlegen ist der Anstrich. Notgroschen, Schuldenfreiheit und ein Überblick über die eigenen Ausgaben sind das Dach.
Drei Fragen entscheiden darüber, ob du weiterlesen solltest oder erst etwas anderes erledigst. Erstens: Habe ich Schulden, die mehr als etwa fünf Prozent Zinsen im Jahr kosten? Zweitens: Habe ich ein Polster für den Fall, dass die Waschmaschine und das Auto im selben Monat kaputtgehen? Drittens: Weiß ich, was am Monatsende übrig bleibt?
Wer alle drei Fragen ehrlich mit Ja beantwortet, kann anfangen. Wer nicht, verliert nichts, sondern gewinnt Zeit. Die Märkte laufen dir nicht weg. Sie sind seit über hundert Jahren da und werden auch in zwei Jahren noch da sein.
Der Grund für diese Reihenfolge ist mathematisch, nicht moralisch. Eine Anlage liefert eine unsichere Rendite. Eine Schuld kostet eine sichere Zinslast. Ein Dispokredit zu 11 Prozent zu tilgen ist eine garantierte Rendite von 11 Prozent nach Steuern, denn getilgte Zinsen werden nicht besteuert. Kein Aktienportfolio bietet dir eine garantierte Rendite in dieser Höhe.
Der zweite Grund ist der Anlagehorizont. Der langfristige Ertrag breiter Aktienmärkte entsteht dadurch, dass man Kursrückgänge aussitzen kann. Wer mitten in einem Rückgang verkaufen muss, weil das Auto kaputt ist, verwandelt einen Buchverlust in einen echten. Der Notgroschen ist deshalb kein Sicherheitsgefühl, sondern die technische Voraussetzung dafür, dass eine Langfriststrategie überhaupt funktionieren kann.
Der dritte Grund ist die Sparrate. Über typische Anlagezeiträume beeinflusst die Höhe der monatlichen Einzahlung das Endergebnis stärker als die Auswahl der Wertpapiere. Wer 300 statt 100 Euro im Monat anlegt, holt mehr heraus als jemand, der bei 100 Euro bleibt und die Rendite um zwei Prozentpunkte verbessert. Die Beschäftigung mit dem eigenen Budget ist daher kein Vorgeplänkel, sondern der wirksamste Hebel, den du hast.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Schulden tilgen schlägt anlegen, wenn die Zinsen hoch sind.
- Ohne Notgroschen musst du im schlechtesten Moment verkaufen.
- Wie viel du sparst, zählt mehr als was du kaufst.
Hast du es verstanden?
Warum ist das Tilgen eines Dispokredits oft besser als eine Anlage?
Weil die gesparten Zinsen eine sichere und steuerfreie Rendite sind, während eine Anlage nur eine unsichere Rendite in Aussicht stellt.
Wofür ist der Notgroschen technisch gesehen da?
Damit du bei unerwarteten Ausgaben nicht gezwungen bist, deine Anlagen zu einem schlechten Zeitpunkt zu verkaufen.
Was beeinflusst dein Ergebnis über viele Jahre stärker: die Sparrate oder die Wertpapierauswahl?
In aller Regel die Sparrate.
Quellen und Weiterlesen
- Grundlagen der Haushaltsfinanzen, wie sie von unabhängigen Verbraucherzentralen und Finanzaufsichten empfohlen werden.
Passt dazu
- Teure Schulden zuerstStufe −1
- Wann Anlegen für dich noch keinen Sinn ergibtStufe −1
- Der NotgroschenStufe −1