Liquidation
Bei einer Liquidation schließt der Anbieter deine gehebelte Position zwangsweise, weil deine Sicherheit nicht mehr reicht. Das passiert automatisch, ohne Rückfrage und meistens im ungünstigsten Moment.
Lernziel: Nach dieser Lektion kannst du erklären, wann und warum eine gehebelte Position automatisch zwangsgeschlossen wird.
Wer mit Hebel handelt, hinterlegt eine Sicherheit. Sinkt der Wert der Position so weit, dass diese Sicherheit die Verluste nicht mehr deckt, schließt das System die Position automatisch. Das ist die Liquidation.
Das Wort automatisch macht den Unterschied. Es gibt keinen Anruf, keine Bedenkzeit und keine Möglichkeit, kurz abzuwarten. Eine Bewegung um drei Uhr nachts reicht, und du wachst mit einem leeren Konto auf.
Kettenreaktionen
Besonders tückisch sind Kettenreaktionen. Werden viele gehebelte Positionen gleichzeitig geschlossen, drücken diese Zwangsverkäufe den Kurs weiter, und die nächste Welle von Positionen wird geschlossen. Deshalb fallen Kryptomärkte manchmal in wenigen Minuten um zweistellige Prozentsätze.
Weniger Hebel
Das Gegenmittel ist unspektakulär: weniger Hebel. Sicherheiten nachzuschießen, während der Verlust läuft, verlängert nur den Weg und vergrößert den möglichen Schaden. Wer oft nachschießen muss, hat kein Pech. Seine Position ist zu groß.
Niedriger Hebel schützt nicht
Eine häufige Frage lautet: Ich hatte doch nur Hebel 3, wie konnte ich liquidiert werden? Der Hebel bestimmt nur, wie weit die Liquidation entfernt ist. Er schützt dich nicht davor. Ohne Stop Loss läuft eine Position einfach weiter, bis die Sicherheit aufgebraucht ist. Bei Hebel 3 reicht dafür schon ein Kursrückgang von rund 30 Prozent, und den haben einzelne Kryptowährungen mehrmals innerhalb weniger Tage erlebt. Außerdem richten sich Liquidationen nach einem geglätteten Mark Preis und nicht nach dem letzten Kurs auf deiner Plattform. Mehr dazu in der Lektion Mark Preis und Margin Modi.
Ein Beispieltrade mit erfundenen Zahlen
Mehmet hinterlegt 500 USDT und eröffnet eine Long Position auf Bitcoin mit Hebel 20. Er bewegt damit 10.000 USDT. Fällt Bitcoin um 5 Prozent, wären die 500 USDT komplett verbraucht. Weil die Börse zusätzlich eine kleine Mindestsicherheit verlangt, liegt sein Liquidationspreis in diesem Beispiel schon rund 4,5 Prozent unter dem Einstieg.
Ohne eigenen Stop: In der Nacht fällt Bitcoin für eine Stunde um 5 Prozent und erholt sich danach wieder. Mehmets Position ist in dieser Stunde liquidiert worden. Die 500 USDT sind weg, dazu kommt eine Liquidationsgebühr. Dass der Kurs am Morgen wieder höher steht, hilft ihm nicht mehr.
Mit eigenem Stop 2 Prozent unter dem Einstieg: Der Stop schließt die Position bei minus 2 Prozent. Mehmet verliert 200 USDT plus Gebühren, etwa 210 USDT. Das ist viel, aber nicht alles.
Wie hoch die Gebühren bei einer Liquidation sind, steht in den Bedingungen jeder Börse. Sie sind fast immer höher als bei einem normalen Verkauf.
Wann liquidiert wird, hängt von der sogenannten Wartungsmarge ab. Das ist der Anteil der Position, der als Sicherheit immer vorhanden sein muss. Fällt deine Sicherheit darunter, wird die Position geschlossen. Die tatsächliche Schwelle liegt deshalb näher an deinem Einstieg, als die einfache Rechnung eins geteilt durch Hebel vermuten lässt. Finanzierungskosten und Gebühren rücken sie noch ein Stück näher.
Preis der Schließung
Zu welchem Preis am Ende geschlossen wird, ist nicht garantiert. Springt der Kurs, kann die Position deutlich unter der Schwelle geschlossen werden. Bei Produkten ohne Nachschusspflicht trägt der Anbieter den Rest. Bei Produkten mit Nachschusspflicht trägst du ihn, und dann kannst du mehr verlieren, als du eingesetzt hast. Ob es eine Nachschusspflicht gibt, ist deshalb eine der wichtigsten Fragen bei jedem Hebelprodukt.
Selbstverstärkung
Viele Liquidationen auf einmal verstärken sich selbst. Zwangsverkäufe drücken den Preis, dadurch erreichen weitere Positionen ihre Schwelle und werden ebenfalls verkauft. Das erklärt die plötzlichen, steilen Bewegungen in Märkten, in denen viel mit Hebel gehandelt wird. Es ist derselbe Mechanismus, der auch Blasen platzen lässt, die auf Kredit aufgebaut wurden.
Zusammenfassung
- Die Liquidation läuft automatisch, ohne Rückfrage und ohne Bedenkzeit.
- Die tatsächliche Schwelle liegt näher an deinem Einstieg, als die einfache Rechnung sagt.
- Ob es eine Nachschusspflicht gibt, ist eine der wichtigsten Fragen bei jedem Hebelprodukt.
Hast du es verstanden?
Warum liegt die tatsächliche Liquidationsschwelle näher am Einstieg als eins geteilt durch den Hebel?
Weil die Wartungsmarge, Finanzierungskosten und Gebühren zusätzlich abgezogen werden.
Was bedeutet eine Nachschusspflicht?
Dass du mehr verlieren kannst, als du eingesetzt hast, und den Rest nachzahlen musst.
Wie entsteht eine Kettenreaktion von Liquidationen?
Zwangsverkäufe drücken den Preis, dadurch erreichen weitere Positionen ihre Schwelle und werden ebenfalls geschlossen.
Verstehens-Check
Aufgabe für dich
Du hinterlegst 600 € Sicherheit und handelst mit Hebel 5. Berechne, wie groß deine Position ist und bei welchem Kursrückgang in Prozent die Sicherheit rechnerisch aufgebraucht ist. Prüfe es im Hebelrechner und notiere, welchen Hebel du wählen müsstest, damit ein Rückgang von 30 Prozent dich noch nicht schließt.
Quellen und Weiterlesen
- Die ESMA-Produktinterventionsmaßnahmen für CFDs schreiben Anbietern eine kontenbezogene Verlustobergrenze (negative balance protection) sowie eine standardisierte Nachschuss-Schließungsregel vor. Quelle ansehen ↗