Angst und Gier
Die beiden stärksten Kräfte am Markt sitzen nicht im Chart, sondern im Kopf. Sie sorgen dafür, dass Menschen systematisch teuer kaufen und billig verkaufen.
Wenn alles steigt und überall davon berichtet wird, fühlt sich Kaufen sicher an. Wenn alles fällt und Panik herrscht, fühlt sich Verkaufen vernünftig an. Genau umgekehrt wäre es richtig.
Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, sich der Gruppe anzuschließen und Gefahren zu meiden. In der Steppe hat das Leben gerettet. An der Börse kostet es Geld.
Deshalb hilft es wenig, sich vorzunehmen, ruhig zu bleiben. Im Moment der Panik funktioniert kein Vorsatz. Was funktioniert, sind Entscheidungen, die vorher getroffen wurden, als es ruhig war.
Praktisch bedeutet das: Sparplan statt Kaufentscheidung. Feste Regeln statt Tagesform. Und ein aufgeschriebener Satz für den Krisenfall, den du im Rückgang liest, statt neu nachzudenken.
Der beschriebene Mechanismus wird in der Verhaltensökonomie über zwei Verarbeitungssysteme erklärt: ein schnelles, automatisches, affektgetriebenes und ein langsames, bewusstes, analytisches. Unter Zeitdruck, Unsicherheit und emotionaler Erregung dominiert das erste. Marktkrisen erfüllen alle drei Bedingungen gleichzeitig.
Empirisch zeigt sich der Effekt in den Mittelflüssen von Fonds, die prozyklisch verlaufen: Zuflüsse folgen auf gute Wertentwicklung, Abflüsse auf schlechte. Da die Wertentwicklung im Zeitverlauf teilweise mittelwertrückkehrend ist, führt dieses Muster zu einer systematischen Renditelücke zwischen Fonds und Fondsanleger.
Die wirksamsten Gegenmaßnahmen sind Bindungsmechanismen, die die Entscheidung aus dem Moment der Erregung herausnehmen: automatisierte Sparpläne, im Voraus festgelegte Rebalancing-Termine, schriftliche Anlagerichtlinien. Ihr Wert liegt darin, dass sie die Handlungsoption entfernen, nicht darin, dass sie die Emotion beseitigen. Die Emotion bleibt, nur ihre Wirkung wird abgeschnitten.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Kaufen fühlt sich am besten an, wenn es am teuersten ist.
- Vorsätze halten im Moment der Panik nicht, Automatismen schon.
- Schreib deine Regeln auf, solange es ruhig ist.
Hast du es verstanden?
Warum versagen gute Vorsätze in einer Krise?
Weil unter Unsicherheit, Zeitdruck und Erregung das schnelle, affektgetriebene System dominiert.
Was ist die Renditelücke bei Fondsanlegern?
Anleger erzielen weniger als ihr eigener Fonds, weil sie prozyklisch kaufen und verkaufen.
Warum wirken automatisierte Sparpläne?
Weil sie die Handlungsoption entfernen, statt zu verlangen, dass man die Emotion beherrscht.
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