Verlustaversion
Verluste schmerzen stärker, als gleich große Gewinne erfreuen. Das führt dazu, dass Menschen Verlustpositionen zu lange halten und Gewinnpositionen zu früh schließen.
Ein Verlust von hundert Euro fühlt sich etwa doppelt so stark an wie ein Gewinn von hundert Euro. Das ist messbar und bei fast allen Menschen gleich.
Die Folge ist ein bestimmtes Muster: Ein Verlust wird erst dann echt, wenn man verkauft. Also verkauft man nicht und hofft. Ein Gewinn dagegen könnte wieder verschwinden, also nimmt man ihn schnell mit.
Das Ergebnis ist ein Depot voller Verlierer, aus dem alle Gewinner entfernt wurden. Genau das Gegenteil dessen, was man wollte.
Hilfreich ist eine einfache Frage: Würde ich diese Position heute zu diesem Kurs neu kaufen? Wenn nein, gibt es keinen Grund, sie zu halten. Der Einstandskurs ist deine private Zahl, der Markt kennt sie nicht.
Die Grundlage bildet die Prospect Theory von Kahneman und Tversky. Entscheidungen werden nicht über absolute Endzustände, sondern über Veränderungen gegenüber einem Referenzpunkt bewertet, und die Wertfunktion verläuft im Verlustbereich steiler als im Gewinnbereich. Der geschätzte Faktor liegt typischerweise bei etwa zwei.
Zusätzlich ist die Wertfunktion im Verlustbereich konvex, was risikosuchendes Verhalten nach Verlusten erklärt: Die Aussicht auf Rückkehr zum Referenzpunkt wird höher bewertet als die Vermeidung eines noch größeren Verlusts. Das ist der formale Kern des Rachetrades.
Der beobachtbare Ausdruck ist der Dispositionseffekt, der in Depotdaten breit dokumentiert ist: Die Wahrscheinlichkeit, eine Position zu verkaufen, ist deutlich höher, wenn sie im Gewinn liegt. Steuerlich ist dieses Verhalten in vielen Rechtsordnungen zusätzlich nachteilig, da die Realisierung von Verlusten Verrechnungsmöglichkeiten schafft, die ungenutzt bleiben.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Verluste wiegen gefühlt etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne.
- Dein Einstandskurs ist für den Markt bedeutungslos.
- Die Prüffrage lautet: Würde ich heute zu diesem Kurs neu kaufen?
Hast du es verstanden?
Was besagt die Prospect Theory über Verluste?
Sie werden gegenüber einem Referenzpunkt bewertet und wiegen etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne.
Warum wird man nach Verlusten risikofreudiger?
Weil die Wertfunktion im Verlustbereich konvex verläuft. Die Rückkehr zum Referenzpunkt wird übergewichtet.
Welche Frage entlarvt eine gehaltene Verlustposition?
Ob man sie heute zu diesem Kurs neu kaufen würde.
Quellen und Weiterlesen
- Kahneman und Tversky, Prospect Theory.
Passt dazu
- DrawdownStufe 2
- Chancen-Risiko-VerhältnisStufe 2
- Impermanent Loss und Smart-Contract-RisikoStufe 4