Verlustaversion
Verluste tun mehr weh, als gleich große Gewinne Freude machen. Deshalb halten Menschen Verlierer zu lange und verkaufen Gewinner zu früh.
Lernziel: Nach dieser Lektion kannst du erklären, warum Verlustaversion dazu führt, dass du Verlierer zu lange und Gewinner zu kurz hältst.
Ein Verlust von 100 € fühlt sich ungefähr doppelt so stark an wie ein Gewinn von 100 €. Das lässt sich messen und ist bei fast allen Menschen so.
Das Muster dahinter
Daraus entsteht ein bestimmtes Muster. Ein Verlust wird erst echt, wenn du verkaufst. Also verkaufst du nicht und hoffst. Ein Gewinn könnte dagegen wieder verschwinden, also nimmst du ihn schnell mit.
Ein Beispiel mit zwei Aktien
Anna hat zwei Aktien. Die eine liegt 30 Prozent im Minus, die andere 20 Prozent im Plus. Sie braucht Geld und verkauft, natürlich, die Gewinnerin. Macht sie das über Jahre so, bleibt ein Depot voller Verlierer übrig, aus dem alle Gewinner verschwunden sind. Das Gegenteil von dem, was sie wollte.
Eine Frage zur Prüfung
Eine einfache Frage hilft: Würde ich diese Aktie heute zu diesem Kurs neu kaufen? Wenn nicht, gibt es keinen guten Grund, sie zu behalten. Dein Kaufpreis ist deine private Zahl. Der Markt kennt sie nicht und nimmt keine Rücksicht darauf.
Die Grundlage ist die sogenannte Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Menschen bewerten Ergebnisse nicht nach dem Endstand ihres Vermögens. Sie bewerten Veränderungen gegenüber einem Bezugspunkt, meistens dem Kaufpreis. Verluste wiegen dabei ungefähr doppelt so schwer wie Gewinne.
Risikofreude im Minus
Dazu kommt ein zweiter Effekt. Liegt man im Minus, wird man plötzlich risikofreudiger. Die Aussicht, wieder auf null zu kommen, wiegt schwerer als die Gefahr, noch mehr zu verlieren. Genau das steckt hinter dem Rachetrade, bei dem man nach einem Verlust größer einsteigt, um ihn schnell zurückzuholen.
Der Dispositionseffekt
Sichtbar wird das im Dispositionseffekt, den Forscher in Depotdaten immer wieder gefunden haben. Aktien im Plus werden deutlich häufiger verkauft als Aktien im Minus. Steuerlich ist das oft zusätzlich ungünstig. Wer Verluste realisiert, kann sie in vielen Ländern mit Gewinnen verrechnen und so Steuern sparen. Wer Verlierer aus Prinzip hält, verschenkt diese Möglichkeit.
Zusammenfassung
- Verluste wiegen gefühlt etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne.
- Dein Kaufpreis ist für den Markt bedeutungslos.
- Die Prüffrage lautet: Würde ich heute zu diesem Kurs neu kaufen?
Hast du es verstanden?
Was sagt die Prospect Theory über Verluste?
Menschen bewerten Veränderungen gegenüber einem Bezugspunkt, und Verluste wiegen dabei etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne.
Warum wird man nach Verlusten risikofreudiger?
Weil die Aussicht, wieder auf null zu kommen, schwerer wiegt als die Gefahr, noch mehr zu verlieren.
Welche Frage hilft bei einer Aktie im Minus?
Ob du sie heute zu diesem Kurs neu kaufen würdest.
Was andere dazu oft fragen
Mein Depot ist im Minus. Verkaufen oder halten?
Der Kaufpreis spielt für diese Entscheidung keine Rolle, auch wenn er sich wichtig anfühlt. Frag dich, ob du die Anlage heute neu kaufen würdest. Wenn ja, spricht wenig fürs Verkaufen. Wenn nein, spricht wenig fürs Halten.
Warum fällt es so schwer, mit Verlust zu verkaufen?
Weil ein realisierter Verlust sich endgültiger anfühlt als ein Buchverlust. Genau das beschreibt die Verlustaversion.
Aufgabe für dich
Du hast zwei Positionen, A für 1.000 € gekauft und jetzt 700 € wert, B für 1.000 € gekauft und jetzt 1.200 € wert. Du brauchst 700 € und musst eine verkaufen. Rechne, um wie viel Prozent A steigen müsste, um wieder 1.000 € zu erreichen, und beantworte für beide die Frage aus der Lektion, ob du sie heute zu diesem Kurs neu kaufen würdest.
Quellen und Weiterlesen
- Kahneman, D. und Tversky, A. (1979), Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk, Econometrica Quelle ansehen ↗
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