Kapitalerhalt vor Gewinn
Wer sein Geld verliert, hat nichts mehr, womit er den Verlust aufholen könnte. Deshalb kommt vor jeder Frage nach Rendite die Frage, wie du sicher im Spiel bleibst.
Lernziel: Nach dieser Lektion kannst du begründen, warum dein Kapital zu erhalten wichtiger ist als die höchste Rendite.
Die meisten Anfänger fragen: Wie viel kann ich verdienen? Wer schon lange dabei ist, fragt anders: Wie stelle ich sicher, dass ich nächstes Jahr noch mitspielen kann?
Warum der Totalverlust zählt
Der Grund ist einfach. Zwanzig Prozent Rendite nützen dir nichts, wenn du vorher alles verloren hast. Null mal irgendetwas bleibt null. Aus einem Totalverlust gibt es keinen Weg zurück.
Große Verluste ohne Totalverlust
Auch große Verluste ohne Totalverlust wiegen schwer. Verliert Nils in einem Jahr 40 Prozent, reicht ein gutes Jahr mit plus 40 Prozent nicht, um das auszugleichen. Aus 10.000 € werden 6.000 €, und daraus mit plus 40 Prozent nur 8.400 €. Er braucht rund 67 Prozent, um wieder bei 10.000 € zu sein.
Die erste Regel
Deshalb ist die erste Regel jeder ernsthaften Strategie: nicht ausscheiden. Alles in dieser Stufe dient diesem einen Zweck. Kein einzelner Fehler darf dich aus dem Spiel werfen. Keine Position so groß, dass ihr Scheitern alles kostet. Kein Hebel, der bei einer normalen Tagesbewegung das Konto leert. Keine Wette, deren Verlust du dir nicht leisten kannst.
Der Grund liegt darin, dass Renditen sich multiplizieren. Dein Vermögen ist am Ende das Produkt aller Jahresergebnisse, nicht ihre Summe. Ist ein Faktor null, ist das ganze Produkt null, egal wie gut die anderen Jahre waren. Fachleute nennen so einen Zustand, aus dem es kein Zurück gibt, einen absorbierenden Zustand.
Durchschnitt und Einzelverlauf
Daraus folgt ein wichtiger Unterschied. Der Erwartungswert beschreibt, was im Schnitt herauskommt, wenn sehr viele Menschen dieselbe Wette gleichzeitig eingehen. Du aber lebst nur ein Leben und gehst die Wetten nacheinander ein. Eine Strategie kann im Durchschnitt über viele Menschen Gewinn bringen und dich trotzdem über die Zeit sicher ruinieren, wenn sie oft genug in den Totalverlust führt. Ein Beispiel: eine Münzwurfwette, bei der du mit Kopf 50 Prozent gewinnst und mit Zahl 40 Prozent verlierst. Im Schnitt gewinnst du pro Wurf 5 Prozent. Wirfst du aber immer wieder mit deinem ganzen Geld, schrumpft dein Vermögen, weil 1,5 mal 0,6 nur 0,9 ergibt.
Ruin vor Rendite
Praktisch heißt das: Die Frage, wie wahrscheinlich der Ruin ist, kommt vor der Frage nach der erwarteten Rendite. Eine Strategie mit etwas weniger Erwartung, die den Ruin ausschließt, schlägt auf lange Sicht eine mit höherer Erwartung, die dich irgendwann erwischen kann. Das ist derselbe Gedanke, mit dem in Stufe 0 die Absicherung der großen Lebensrisiken begründet wurde.
Zusammenfassung
- Renditen multiplizieren sich, ein einziger Faktor null macht alles null.
- Ein positiver Erwartungswert schützt nicht davor, über die Zeit sicher zu verlieren.
- Kein einzelner Fehler darf dich aus dem Spiel werfen.
Hast du es verstanden?
Warum lässt sich ein Totalverlust nicht mit hoher Rendite aufholen?
Weil Renditen sich multiplizieren. Ein Faktor null macht das ganze Produkt null.
Was ist ein absorbierender Zustand?
Ein Zustand, aus dem es kein Zurück gibt, hier der Totalverlust.
Kann eine Strategie mit positivem Erwartungswert dich sicher ruinieren?
Ja, wenn sie über die Zeit oft genug in den Totalverlust oder in sehr tiefe Verluste führt.
Verstehens-Check
Aufgabe für dich
Dein Depot hat 20.000 € und fällt um 30 Prozent. Berechne den neuen Wert und danach, wie viel Prozent Gewinn du brauchst, um wieder bei 20.000 € zu stehen. Prüfe dein Ergebnis im Drawdownrechner und probiere dort einen Verlust von 50 Prozent aus.
Quellen und Weiterlesen
- Der Physiker Ole Peters (Ergodicity Economics, London Mathematical Laboratory) zeigt am Beispiel multiplikativer Vermögensdynamik, warum ein Totalverlust einen irreversiblen Zustand darstellt und warum die Vermeidung des Ruins für den Einzelnen über die Zeit wichtiger ist als die Maximierung des Erwartungswerts über ein Ensemble. Quelle ansehen ↗